Was ist Tuberkulose?

Wenn die Zahl der Opfer, welche eine Krankheit fordert, als Maßstab für ihre Bedeutung zu gelten hat, dann müssen alle Krankheiten, namentlich aber die gefürchtetsten Infektionskrankheiten, Pest, Cholera usw. weit hinter der Tuberkulose zurückstehen.
Robert Koch, Die Ätiologie der Tuberkulose. 1882

Die Tuberkulose ist eine alte Krankheit. Ihre Ursache blieb bis 1882 ungeklärt, bis Robert Koch im März das krankheitsauslösende Bakterium identifizierte, welches wir unter dem Namen Mycobakterium tuberculosis kennen. Am häufigsten betrifft die Tuberkulose die Lunge, aber sie kann sich überall manifestieren.

Im Vergleich zu anderen bakteriellen Erregern wächst und teilt sich das Bakterium langsam. Es unterscheidet sich auch in seinem Aufbau durch eine dichte wachsartige Zellwand von vielen anderen Bakterien. Es ist es schwer in Kulturen, die dem Nachweis und der Klassifikation von Krankheiterregern dienen, anzuzüchten und nachzuweisen. All diese Faktoren trugen zu seiner späten Entdeckung bei.

Heute, keine 150 Jahre nach der Entdeckung, ist die Erkrankung in der westlichen Welt nahezu vollständig verdrängt und fast in Vergessenheit geraten. Dabei trägt schätzungsweise jeder vierte das Bakterium in sich, doch das Immunsystem schafft es, die Bakterien in der Lunge abzukapseln. Die betroffene Person spürt keine Symptome und ist nicht ansteckend. Die Bakterien befinden sich in einer Art „Schlafzustand“. Bei rund 90 % der Infizierten bleibt das ein Leben lang so. Wenn das Immunsystem geschwächt ist (z. B. im Alter, durch Stress oder andere Krankheiten), können die Bakterien ausbrechen. Erst jetzt wird die Person krank.

Geschichte der Tuberkulose

Man denkt, ein dummer Mensch muß gesund und gewöhnlich sein, und Krankheit muß den Menschen fein und klug und besonders machen.
Thomas Mann, Der Zauberberg

Die Ursache der Tuberkulose war lange ungeklärt. Ärzte vermuteten sie allem, angefangen bei Unterkühlung, Überwärmung, zu viel oder zu wenig Flüssigkeit, Nahrung oder Bewegung. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich die Tuberkulose zu einem wahren Kulturphänomen. Keine andere Krankheit hat die europäische Literatur, Oper und Kunst so tiefgreifend geprägt. Ein gewisser Mythos umgab die Kranken und künstlerische Befähigung wurde mit ihr in Zusammenhang gebracht.

Nicht nur Literaten wie Franz Kafka, der selber an der Krankheit verstarb, sondern auch Komponisten ließen sich von dieser „Geißel der jungen Leute“ inspirieren. Dumas’ Kameliendame wurde von Verdi als La Traviata inszeniert, in der Violetta buchstäblich „verwelkt“. Auch Puccinis La Bohème spielt mit dem Bild der kranken, aber faszinierenden Mimì. Doch angesichts der weiten Verbreitung der Krankheit vor der Entdeckung des Bakteriums und des ersten wirksamen Antibiotikums erscheint es wenig verwunderlich, dass sie keinen Halt vor bekannten Künstlern oder Herrschern machte. 

Tuberkulose heute

Tuberkulose ist eine vermeidbare und in der Regel heilbare Krankheit. 
WHO,
Global tuberculosis report 2025

Tuberkulose ist eine der zehn häufigsten Todesursachen weltweit und die führende Todesursache durch einen näher bestimmbaren Infektionserreger. Etwa 10 Millionen Menschen infizieren sich weltweit jährlich mit Tuberkulose, 1 Million sterben an der Infektion. Die Zahl neu registrierter Tuberkuloseinfektionen ist in den Ländern Indien, Indonesien, Philippinen, China, Pakistan, Nigeria, Demokratische Republik Kongo und Bangladesch am höchsten. In 2024 ereigneten sich 28 % der TB-assoziierten Todesfälle in Indien, 69 % in Afrika und Südostasien (HIV-negativ). 

Die Behandlung dauert lange, 4 bis 6 Monate, aber 90 % der Betroffenen können geheilt werden. Die Krankheit entwickelt sich meist schleichend. Zu den Symptomen gehören langanhaltender Husten, ständiges Frösteln oder leichtes Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust und extreme Müdigkeit.

Heute lässt sich Tuberkulose mit den richtigen Maßnahmen zuverlässig diagnostizieren. Die Behandlung erfordert Geduld: Patienten müssen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten eine Kombination aus verschiedenen Antibiotika einnehmen. Es ist lebenswichtig, die Medikamente konsequent bis zum Ende einzunehmen, da die Bakterien sonst resistent und unheilbar werden können. Ohne Behandlung liegt die Todesrate durch Tuberkulose bei etwa 50 %.

Worauf warten wir?

Tuberkulose ist eine Krankheit der Teufelskreise. (…) Sie folgt nicht nur den bestehenden Ungerechtigkeiten – sie verschärft und vertieft sie.

John Green, Tuberculosis 2025

Die WHO hat sich ein klares Ziel gesetzt: Bis 2030 soll die globale Tuberkuloseepidemie beendet werden. Die Zahl der TB-Todesfälle soll gegenüber 2015 um 90 % und die Zahl der Neuerkrankungen um 80 % sinken. „Ending TB is possible“ – wenn wir es finanzieren, erforschen und uns dazu verpflichten. Für Menschen mit Tuberkulose entscheidet eine frühe und zuverlässige Diagnose über den weiteren Verlauf der Erkrankung. Dabei können die Kosten für die Diagnostik und Behandlung eine erhebliche finanzielle Belastung für sie darstellen.

Eine besondere Herausforderung ist die medikamentenresistente Tuberkulose. Der Zugang zu einer frühzeitigen Resistenzdiagnostik ist hier besonders entscheidend: Erst sie zeigt, welche Medikamente gegen den Erreger wirksam sind und ermöglicht eine gezielte Behandlung. Dennoch erhalten  weltweit nur etwa zwei von fünf Menschen mit medikamentenresistenter Tuberkulose eine entsprechende Therapie.

Tuberkulose ist also nicht nur ein medizinisches Problem, sondern auch eine Frage von Forschung, Finanzierung und sozialer Gerechtigkeit. Die WHO beziffert den globalen Finanzierungsbedarf für Prävention, Diagnostik, Behandlung und Versorgung auf 22 Milliarden US-Dollar jährlich; 2023 standen dafür weltweit nur 5,7 Milliarden US-Dollar zur Verfügung. Kürzungen bei internationalen Programmen gefährden unmittelbar die Fortschritte der vergangenen Jahre.

COVID-19 hat gezeigt, was möglich ist, wenn internationale Ressourcen gebündelt werden: Innerhalb kürzester Zeit konnten neue Impfstoffe, Medikamente und diagnostische Verfahren entwickelt werden. Tuberkulose erhält einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit und Finanzierung, obwohl sie seit Jahrhunderten Millionen von Menschen betrifft und weiterhin jedes Jahr mehr als eine Million Todesopfer fordert.

Es ist schwer vorstellbar, dass Tuberkulose vollständig aus der Welt verschwindet. Aber eine Welt, in der niemand mehr an Tuberkulose sterben muss, ist vorstellbar. Dafür braucht es nicht nur medizinischen Fortschritt, sondern den politischen und finanziellen Willen, ihn möglich zu machen.

Warum ein Triptychon?

Der Herr wird dich schlagen mit Tuberkulose, Fieber, Entzündung, drückender Hitze, Dürre, Getreidebrand und Vergilben; die werden dich verfolgen, bis du umkommst.

Deuteronomium 28, 22

Das Triptychon ist eine in der europäischen Kunsttradition tief verwurzelte Form, die besonders aus der christlichen Sakralkunst des Mittelalters bekannt ist. Das Werk besteht aus drei miteinander verbundenen Bildtafeln. Für Consumption greife ich diese Form bewusst auf: Die drei Tafeln verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Krankheit, die Europa über Jahrhunderte geprägt hat und bis heute Millionen Menschen betrifft. Drei Tafeln holen die Krankheit aus dem Verbrogenen in direkt in unsere Wahrnehmung – überlebensgroß und schwer zu übersehen. 

… und was sehe ich da eigentlich?

Bisher war man gewöhnt, die Tuberkulose als den Ausdruck des sozialen Elends anzusehen, und hoffte von einer Besserung auch eine Abnahme dieser Krankheit […]. Aber in Zukunft wird man es im Kampf gegen diese schreckliche Plage des Menschengeschlechts nicht mehr mit einem unbestimmten Etwas, sondern mit einem fassbaren Parasiten zu tun haben.

Robert Koch, Die Ätiologie der Tuberkulose. 1882

GDPR Cookie Consent with Real Cookie Banner